Egal was andere über Wikileaks sagen, ich finde was wir da miterleben äußerst spannend. Weniger sind die vorhersehbaren Reaktionen diverser Regierungen spannend, denen die Veröffentlichung der teils geheimen Materialien wie immer unangenehm und peinlich sind. Interessanter sind die Feuilletons und Kommentare der bisherigen Platzhirschen beim Aufdecken von Machenschaften der Mächtigen: den Medien. Abgesehen von den Wikileaks-Partnern New York Times, Spiegel oder The Guardian, die von den Veröffentlichungen durch ihre journalistische Beteiligung an der ersten Sichtung der Materialien profitierten, blieb den meisten anderen Medien nur die Rolle des Zusehers. Und vor allem des Moralapostels.
Ich staune, wie die Medien in den letzten Monaten mit den Wikileaks-Enthüllungen umgingen. Während das Apache-Helikopter-Video vom Frühjahr noch fast unerwähnt blieb, folgte auf die Irak- und Afghanistandokumente nach etwas Verzögerung ein generelles Achselzucken unter dem Motto "Was ist in den Dokumenten schon drin, was wir bisher noch nicht kannten?"
Erst mit der Veröffentlichung der US-Regierungs- und Botschafterdepeschen, die man nicht mehr so einfach ignorieren und abtun konnte, reagierten die Medien auf breiter Basis, auch in Österreich. Dabei wurden widersprüchliche Argumente vorgebracht. Als "Dokumente mit…klatschträchtigem Indiskretionspotenzial" (Sven Gächter, profil) wurden sie verniedlicht, oder wegen Gefährdung von Personen oder von kritischen Infrastruktureinrichtungen verteufelt. Letztere wurden gleich zu Terrorzielen hochstilisiert und man wiederholt damit das von der Bushregierung seit 9/11 verwendete Mantra, das rationales Denken ausschalten und Ängste schüren soll.
Mich interessieren diese Enthüllungen nicht zuletzt auch deshalb, weil ich als Wiener seit 9 Jahren in den USA lebe und arbeite und als US-Steuerzahler gerne wissen möchte, was mit meinen Steuergeldern passiert. Nicht nur habe ich bisher damit zwei Kriege mitfinanziert, sondern auch eine US-Weltpolitik, die nicht immer Sinn macht. Wenn ich lese, dass Zahlungen der amerikanischen an den afghanischen Präsidenten Karzai, Saudiarabien, Irak oder Pakistan, die uns vor Terrorismus sichern sollen, von diesen Empfängern genau zum Gegenteil verwendet werden – nämlich der Zahlung von Al Kaida und anderen Terrororganisationen – dann passt da meinem Empfinden nach etwas nicht. Was die Medien und Öffentlichkeit schon lange irgendwie vermutet haben, steht hier nun schwarz auf weiss. Ebenso die Einschätzung der US-Diplomatie zu den einzelnen Regimes, die oft sehr ernüchternd ist.
Eine reine Augenauswischerei ist das immer wieder vorgebrachte Argument, die Enthüllung der Dokumente ohne vorherige Ausschwärzung von Namen würde das Leben Unschuldiger gefährden? Ach wirklich? Mehr als 100.000 Tote im Irak durch die Irakinvasion sind ok, aber eine Handvoll möglicher gefährdeter Menschenleben durch Wikileaks lässt den Regierungen die Tränen waagrecht aus den Augen schießen?
Das lahme Argument "nicht alles was man veröffentlichen kann, sollte man veröffentlichen" sollten besonders diejenigen Medien mal selber vorleben, die regelmäßig ihre Auflagen- und Seherzahlen durch die Verletzung der Privatsphäre von Personen des öffentlichen Lebens erhöhen.
Was hier tatsächlich passiert ist der augenscheinlich gewordene Umbruch in der Medienlandschaft. Seit Jahren kämpfen Zeitschriften mit sinkende Leserzahlen, immer weniger Menschen sehen fern. Parallel dazu sinken Werbeeinnahmen, immer weniger Redaktionen haben dadurch die Ressourcen, um entsprechende Beiträge zu recherchieren und gute Journalisten auszubilden. Dadurch wiederum sinkt die Qualität der Beiträge, was in Folge zu einem weiteren Fernbleiben der Leser und Seher führt. Ein Teufelskreis. Und dann kommt Wikileaks und tut, was die immer so stolz angeführte Kernaufgabe der Medien war: den Mächtigen auf die Finger schauen. Das tut natürlich weh. Der Reflex ist verstehbar.
Dass sich nun aber viele Medien durch mediale Angriffe gegen Wikileaks mit den Mächtigen verbündet haben, zeigt den beschämenden Stand, den die Medien weltweit erreicht haben. Nicht mehr die vierte Macht im Staat, sondern Handlanger der Mächtigen. Anstelle die Dokumente als Ausgangspunkt eigener Recherchen zu verwenden, schmollt man im Winkerl und zeigt die Zunge.
Wenn etwas den Bedeutungsverlust der Medien deutlich gezeigt hat, dann ist es das Entstehen von Wikileaks – und die hysterischen Reaktionen darauf.
Ron Paul, der Liberale US-Senator, mit dessen Ideen und Weltansichten ich keineswegs sympathisiere, hat heute in seiner Rede im US Senat ein paar Punkte angesprochen, die seriöse Medien als Fragen für eigene Ermittlungen aufnehmen sollten.
- Verdienen es die Amerikaner die Wahrheit über die laufenden Kriege in Irak, Afghanistan, Pakistan und Yemen zu wissen?
- Könnte eine grössere Frage sein, wie ein einfacher Gefreiter zu einer solchen Menge an geheimen Informationen kommt?
- Warum wird die Feindseligkeit gegen den Veröffentlicher Julian Assange gerichtet, und nicht gegen die Regierung, die geheime Informationen nicht geheim halten kann?
- Sind $80 Milliarden pro Jahr an Geheimdienstkosten die erhaltenen Informationen Wert?
- Was hat zu größeren Verlusten an Menschenleben geführt: uns mit Lügen in Kriege zu führen oder die Wikileaks-Enthüllungen?
- Wenn Assange für die Veröffentlichung von Dokumenten verurteilt werden kann, die er nicht gestohlen hat, was sagt das zur Zukunft der konstitutionell gewährten freien Rede und der Unabhängigkeit des Internets?
- Kann es sein, dass der wahre Grund für die fast einstimmigen Attacken auf Wikileaks weniger über nationale Sicherheit aussagt, als das mangelnde Eingeständnis, dass die US-Auslandspolitik verfehlt ist?
- Macht es nicht einen gewaltigen Unterschied zwischen Verrat - also wenn geheime Informationen in Kriegszeiten veröffentlicht werden, um dem Feind zu helfen – und die Veröffentlichung von Informationen die die Lügen der Regierung aufzeigen, um geheime Kriege, Tod und Korruption zu fördern?
- Galt es nicht einst patriotisch, wenn man der Regierung entgegentrat und ihr sagte, was falsch läuft?
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