Vor etwas mehr als 2 Jahren war ich Gusenbauer. Ich war auch Schüssel, van der Bellen, Haider, Dichand und Strache. Und noch ein paar andere Grössen und Kleinen der österreichischen politischen Welt. Keine Sorge, es handelte sich um keinen Anfall von plastischer Serienchirurgie, der ich mich unterwarf, ich hatte einfach verschiedene Facebook-Profile unter diesen Namen angelegt. Und tat so als ob. Und lernte dabei eine Menge, über den impersonierte Politiker und seine/ihre „Freunde“.
Suchen musste ich nicht, man fand „mich“, bzw. meine alter ego. Und befreundete mich. Und schickte mir Einladungen. Und Nachrichten. Und hin und wieder die Frage „Ist er/sie das wirklich?“
Einige Regeln, wie ich die Person virtuell verkörperte, gab es von Anfang an, andere kamen im Laufe der Zeit dazu. Beispielsweise wurden alle Freundschaftsanfragen angenommen, jeder ein potentieller Wähler. Einladungen zu Events konnte ich aus verständliche Gründen nur ignorieren. Petitionen – je nach Kausa. Aber sonst keine persönlichen Mails an irgendjemand, dafür aber regelmässige Statusupdates.
„Alexander van der Bellen ist schon zwei Wochen ohne Zigaretten und geht am Zahnfleisch. Ich kann Mannerschnitten schon nicht mehr sehen…“
Die offenherzigen Meldungen meiner Prominenten über Politikerkollegen und Ereignisse – alle nie gar zu bösartig – waren den aufmerksamen betrachtern Hinweis genug, dass es sich um ein Spassprofil handelte. Andere nahmen es ganz ernst und posteten Unterstützungsmeldungen, und viele schnallten es gar nicht. Darunter selbst jede Menge österreichische Prominente, die sich unterwürfig, kumpelhaft oder schleimig als Freunde anbiederten.
Besonders interessant war aber die Analyse der „Freunde“. Besonders populär war H.C. Strache. Hunderte Freunde innerhalb kürzester Zeit, vor allem junge Personen, viele aus dem öffentlichen Dienst und Menschen, die als Wohlstandsverlierer zu bezeichnen wären. Überraschend war aber vor allem die Anzahl an ausländischen Freunden. Ein Drittel(sic!) aller Freundschaftsanfragen kamen von Ausländern: Immigrantenkinder, Lega Nord, Front National, Vlaams Block und sonstige Mitglieder rechter Gruppen. Strache hatte das bei weitem multikulturellste Spektrum an Facebookfreunden.
„Jörg Haider: vergnügt sich gerade mit einem Engerl...“
Die Grünen, ÖVP und die Sozialisten hatten hingegen relativ homogene Freundschaftsgruppen. Die Mittelstands- und Mittelalterklasse um die 40 bis 50, akademisch gebildet, sozial veranlagt. Während diese Freunde den jeweiligen Kandidaten (van der Bellen, Gusenbauer) aufmunterten und ehrlich gemeintes Bedauern nach deren Rücktritten bzw. Abservierungen übermittelten, schienen all diese Freunde Rückschluss auf Wohlstandsgewinner zu geben. Die Statusupdates ließen einigen Rückschluss auf deren Interessen und Aktivitäten zu. Beschaulich, selbstgefällig, bequem – die meisten zumindest.
„H.C. Strache: Dem Haider hab ich’s heute aber ordentlich reingesagt“
Anders hingegen der Strachesche Freundeskreis. Zornige Meldungen zu Ausländerthemen, Aufrufe zu aggressiven Demos, Neidpostings einerseits, Prahlerei über Discobesuche, Sauftouren und das Vorzeigen sonnengebräunter und wasserstoffblonder Gemeindebaukörper andererseits (Hinweis: ich bin selbst in Gemeindebauten goss geworden). Besonders verstörend war das Posten von Gewaltvideos (beispielsweise wie ein ca. 10 jähriger irakischer(?) Bub in die Kamera winkt, von einem Angehörigen hinter ihm eine Ohrfeige kriegt, dass der Bub zu Boden stürzt und das Ganze vom Poster und seinen Freunden mit spassigen Meldungen kommentiert). Dafür kann Strache natürlich nichts, es zeigt nur die Gedankenwelt möglicher Strache-affiner Personen.
Eine Tendenz durchgehend aber war die Anbetung, die diese Freunde der Person Strache gegenüber zeigten.
Nach einigen Monaten endete das Experiment, teils durch freiwillige Aufgabe der Profile, teils durch die von den Betroffenen veranlasste Abschaltung „ihrer“ Profile. Während mir zumindest die Freundeskreise zweier Profile Respekt einflössten, verstand ich die Wählerschaft eines anderen besser, auch wenn sie eine ziemliche Überraschung beinhaltete (wer hätte gedacht, dass gerade Ausländer auf die ausländerfeindlichen Politiker so abfahren?)
Und noch eine Lektion hatte ich gelernt: Es gibt Arschlochnetzwerke. Und die muss man dringend vermeiden. Was das ist und wie man’s macht, schildere ich im nächsten Blog.










