Mario Herger

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Autoliebe

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Neulich traf ich im Kaffeehaus meinen alten Freund Adi aus Israel, der seit kurzem hier in San Francisco wohnt. Er saß neu eingekleidet und entspannt bei einer Tasse Kaffee und las die Gebrauchtwagenanzeigen. Er winkte mir schon von weitem aufgeregt zu und lud mich zu sich an den Tisch. Rasch bestellte er für mich einen Kaffee und bezahlte ihn sogleich mit einer großen Banknote.
Ich war erstaunt. Normalerweise war Adi der größte Schnorrer vor dem Herrn, ein König unter den sich schamlos einladen lassenden. Und jetzt diese Wandlung. Was war geschehen?

Adi lächelte und begann genussvoll zu schildern.
„Weißt Du, vor einiger Zeit hatte ich einen gebrauchten Wagen gekauft. Und zwar einen Toyota Camry, der im Erstbesitz war. Die Besitzerin war eine im fünften Monat schwangere junge Chinesin. Ihr Mann hatte beschlossen, dass sie einen auf den neuesten Sicherheitsstandards basierenden Volvo haben sollte. So weit, so gut.“

Adi tat einen Schluck und fuhr fort.
„Wie sich aber herausstellen sollte, war dieser Wagen der erste, den die werdende Mutter besessen hatte. Sie war bereits zögerlich, als sie die Unterschrift auf den Verkaufsvertrag setzen sollte. Ihr Gatte musste sie sanft anstubsen, damit sie endlich unterschrieb. Bei der Übergabe des Autoschlüssels hielt sie den Schlüsselbund so krampfhaft fest, dass uns, also ihrem Mann und mir, es nur durch gewaltsames Aufbrechen ihrer Finger gelang, ihr die Schlüssel aus der Hand zu reißen.
In ihrer Verzweiflung stürzte sie sich anschließend auf die Motorhaube des Wagens, umarmte ihn und brach in lautes Schluchzen aus.“

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Aber Adi deutete mir Geduld und erzählte weiter.
„Nach nicht mal zwei Stunden Geheule und Geschluchze stieg sie geknickt am Arm ihres Mannes in den Volvo und sie fuhren fort.
Damit könnte die Geschichte ein Ende haben. Dem war aber nicht so.“

Adi holte Luft, bestellte mir noch einen Kaffee und begann von neuem.
„Am nächsten Tag glaubte ich kaum meinen Augen zu trauen. Draußen in der Einfahrt stand die Vorbesitzerin und legte eine Rose auf den Wagen. Dabei küsste sie herzhaft die Windschutzscheibe und halste die Tür. Ich rief sofort ihren Mann an, der sie dann auch postwendend abholte. Ich beschloss, den Wagen von nun an nur mehr in der Garage zu parken.“

Mein Kaffee war unberührt kalt geworden, ich lauschte gespannt Adis Erzählung.
„Am darauf folgenden Morgen sah ich Licht in der Garage. Normalerweise schalte ich es nie ein, man möchte ja schließlich Strom sparen. Aber es schimmerte ganz deutlich durch den Türspalt. ‚Einbrecher’, schoss es mir durch den Kopf und ich pirschte mich leise an die Garagentür. Vorsichtig schob ich die Tür einen Spalt auf und erhaschte einen Blick auf – rate mal wen? – die Chinesin. Sie war irgendwie in die Garage eingedrungen und wischte mit Tränen in den Augen den Wagen ab.
Du kannst Dir vorstellen, dass ich fuchsteufelswild wurde. So konnte das doch nicht weitergehen. Ich zerrte sie raus und ihr Mann holte sie sogleich unter gestammelten Entschuldigungen ab.“

Er hielt inne. Ich sah in seinem erschöpften Blick die Geschichte von einem Mann, der Schlimmstes durchgemacht haben musste.
„Ich fuhr sofort in den nächsten Heimwerkermarkt und kaufte alles Notwendige ein. Stacheldraht, Leuchtdioden, Alarmanlage – was man eben so braucht. Ich umgab mein Haus mit einer undurchdringlichen Sperre. Keine Mücke sollte mehr unbemerkt durchkommen.“

Adi verschnaufte.
„Was soll ich sagen? Am nächsten Tag um die gleiche Zeit, wer steht in der Garage unbemerkt drin? Und dieses mal sogar mit einem großen Blumenstrauß und einem schleifenverzierten Ölfläschchen?
Ich verzweifelte. Ich baute einen Schützengraben, stellte ehemalige Marinesoldaten als Scharfschützen ein, legte Minenfelder um die Garage an, ließ blutrünstige Wachhunde um die Garage patrouillieren, hatte Kampfeichhörnchen im Gras herumspringen. Nichts! Absolut Nichts! Jeden Tag hatte sie sich aufs Neue Zutritt verschafft, der Teufel weiß, wie ihr das gelang. Ich ging sogar so weit, dass ich den Wagen woanders parkte. Egal wo, sie fand den Wagen und streichelte ihn, streute Rosenblätter vor seine Reifen oder schmuste ihn ab. Ich fuhr sogar nach Alaska, Mexiko und Hawaii, und wen traf ich dort auf egal welchem Parkplatz? Sie!“

Er war außer sich vor, er atmete schwer.
„Dann hatte ich eine Idee. Ich stellte vor der Garage eine Tafel auf und schrieb ‚1 Stunde - 5 Dollar’. Das wirkte. Sie kam, las, reichte mir die fünf Dollar und verbrachte eine zärtliche Stunde mit dem Wagen. Seit sie ihr Baby bekommen hat, nimmt sie es mit und bezahlt für zwei. Manchmal begleitet sie auch ihr Ehemann oder sie bringt Freunde mit.“

Adi lehnte sich zufrieden zurück.
„Seither habe ich einige weitere Gebrauchtwagen gekauft und stelle sie aus. Die Vorbesitzer kommen regelmäßig, zahlen die Eintrittsgebühr, hätscheln und tätscheln ihre ehemaligen Wagen und ich muss mich um nichts kümmern, außer Geld auf die Bank zu tragen. Ich muss dorthin zwar zu Fuß gehen, aber was macht man nicht alles für seine Kunden?“

Er griff nach seinem Kaffee, trank ihn aus und entschuldigte sich.
„Ich habe heute noch einen Termin auf der Bank, wegen einer größeren Vermögensanlage.“

Adi entschwand vergnügt lächelnd und federnden Schrittes. Ich machte mich nachdenklich auf den Weg nach Hause. Mir konnte so was leider nicht passieren. Mein fabriksneuer Wagen hatte keinen Vorbesitzer gehabt.

Vor meiner Haustür traf ich einen schüchternen Glatzkopf mit einem Strauß Rosen in der Hand. „Entschuldigen Sie“, sprach er mich an, „Sind Sie der Besitzer dieses fabriksneuen Wagens da drüben? Sie müssen wissen, ich arbeite im Automobilwerk, und dieser Wagen war der erste der neuen Serie, den ich zusammengebaut habe.“
Mein Blick erhellte sich.
„Dürfte ich ihn mal berühren?“ bettelte er.
„Fünf Dollar!“ antwortete ich ungerührt. Was kann man nicht alles von seinen israelischen Freunden lernen...
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