Auch in unserer Beziehung gab es solch Eigenheiten, die wir aber als akademisch gebildete Intellektuelle auf das Selbstverständlichste akzeptierten und tolerierten. Ich sagte nichts über Natashas Drang ins Kino, sobald ein neuer Film herauskam, sie schwieg gnädigerweise bei meinen erbärmlichen Versuchen, mich als satirischer Schriftsteller zu beweisen. Ich ließ kein Wort über meine Lippen kommen, wenn sie in einer spontanen Entscheidung einige über dutzende Generationen vererbte Rezepte änderte und für das aktuelle Mittagessen mutig zusammenfügte. Dafür zuckte sie mit keiner einzigen ihrer langen Wimpern, wenn ich voll Verlangen zitternd ein Video mit Volkstänzen aus aller Welt in den DVD-Spieler schob.
Diese Kleinigkeiten lassen uns nicht vergessen, dass andere Dinge wie der gemeinsame Besuch von Theater und Oper, die entspannten Stunden im Kaffeehaus oder der genossene altmodische, knallharte Sex viel wichtigere Elemente einer gesunden Partnerschaft sind. Mit einer Eigenheit Natashas war es aber sehr schwer, sich daran zu gewöhnen.
Eines Nachts war ich in einen tiefen Schlummer versunken und hatte einen dieser animalischen Träume. Nicht den, wo mich fünf betörend langbeinige Blondinen fesseln und.... – aber das geht eigentlich keinen meiner lechzenden Leser etwas an – sondern der, wo mir träumt, ein Hund zu sein und meinem Herrchen die Zehen abzulecken. Der überraschend realistische salzige Geschmack auf meiner Zunge ließ mich aus dem Traum schrecken. Tatsächlich befand sich eine Zehe in meinem Mund, und an der wiederum hing Natasha. Letztere hatte während der Nacht die Schlafposition gewechselt und lag nun mit dem Kopf am unteren Bettende, während ihre Füße am Kopfpolster lagen. Auf unerklärliche Weise hatten nun ihre Zehen in einer Art olympischen Disziplin alles daran gesetzt, in meinem durch das betont männliche Schnarchen weit geöffneten Mund zu springen. Natasha jedenfalls war nicht aufgewacht, berichtete aber am nächsten Morgen von einem äußerst kitzligen Traum. Ich pfiff Ahnungslosigkeit vortäuschend durch die Lippen und wechselte rasch das Thema.
In der darauf folgenden Nacht schreckte ich Misstrauisch aus dem Schlaf. Irgendetwas war anders. Ich sah auf Natashas Betthälfte, dort lag aber ganz klein zusammengeknüllt nur mehr ihre Decke. Von Natasha weit und breit keine Spur. Angsterfüllt schlich ich durch die dunkle Wohnung und suchte alle Zimmer ab. Auf dem Wohnzimmersofa keine Spur, das Gästezimmer war leer, im Büro herrschte gespenstische Einsamkeit und selbst am Klo war kein Hinweis auf eine unbeabsichtigt hinuntergespülte Natasha zu finden.
Ich geriet in Panik. War sie schlafwandlerisch aufs Dach geklettert und heulte gerade den Mond an? Hatten die Zombies vom nahe gelegenen Friedhof ihre Knochen im Spiel? Oder hatte die Eichhörnchenbande Natasha gekidnappt?
Zitternd und verzweifelt setzte ich mich ins Bett, als eine kalte Hand mich berührte. Ich schrie vor Entsetzen auf, sprang in einem Satz auf den Kleiderschrank und erkannte unter der zusammengeknüllten Decke Natasha. Dort hatte sie die ganze Zeit gelegen, vollständig auf ein Drittel ihrer normalen Größe zusammengerollt. Mir wurde unheimlich. Ich nahm mir vor, besser darauf gefasst zu sein.
Nächster Tag, nächste Nacht. Um zwei in der Früh sehe ich eine dunkle Rundung sich vor dem Fenster abzeichnen. Angestrengtes schlaftrunkenes Denken und erkundendes Hingrapschen klärten mich auf. Natasha lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Polster und streckte ihren süßen Po nach oben. Wie ein Schimpanse, der beim Laufen auf allen Vieren eingeschlafen ist.
Das Wochenende kam. Die Nacht brach ein, mich konnte nichts mehr erschüttern. Irgendwann zur mitternächtlichen Stunde schlug ich die Augen auf. An der Wand zeichnete sich der Schatten eines groß gewachsenen Eindringlings ab. Voll Panik sprang ich aus dem Bett, kramte in Rekordzeit Maschinengewehr, Flammenwerfer und meinen nervigsten Handyklingelton aus dem Nachtkästchen und rief drohend „Halt, oder ich klingle!“ Der Eindringling war ungerührt und verharrte auf der Stelle. Ich fuchtelte nochmals drohend und griff nach dem Lichtschalter. Das gleißende Licht zeigte mir in scharfen Umrissen Natasha aufrecht im Bett sitzend und friedlich schlummernd. Sie hatte den Schatten geworfen.
Über die Zeit hinweg habe ich viele Schlafpositionen Natashas gelernt. Man ist sehr erstaunt, wie man seinen Körper falten und zusammenklappen kann, um immer wieder neue Körperhaltungen zu bekommen. Natasha kann sie alle und erfindet jede Nacht neue.
Wenn sie heute zu Halloween im Schlaf kopfüber von der Zimmerdecke hängt, ignoriere ich sie nicht einmal mehr. Besonders praktisch ist eine ihrer Position in den Nächten, in denen ich nicht schlafen kann. Dann setze ich mich vor den Fernseher, lasse Natasha in ihrer „Fliegender Teppich“-Schlafposition durch das Zimmer schweben und stelle Bier und Bretzen auf ihren Bauch.
Mich beunruhigte kürzlich nur eines, nämlich als ich in einer der letzten Nächte aufwachte und anstatt im Bett liegend an der Wand hing. Ich wundere mich schon, ob Natashas Schlafpositionen ansteckend sind? Oder vielleicht hat das etwas mit der kleinen Bisswunde zu tun, die ich unlängst an meinem Hals entdeckt habe?
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