Intellektuellen-Café
Mittwoch, 15. Oktober 2008 um 18:15
Mario Herger
Es gibt im Dezember nichts Schöneres, als dem immerzu trübselig sonnigen Wetter in Kalifornien zu entfleuchen. Jahraus, jahrein immer dasselbe. Sonne bis zum Abwinken, Swimming Pools zum Überlaufen. Mit anderen Worten: es war deprimierend. Meine Freundin Natasha und ich lechzten nach Jahreszeiten, nach richtigem Wetter, nach derber Natur und entfesselten Gewalten. Wir flogen also nach Paris.
Dort empfingen uns endlich die heiß ersehnten, tückischen Windböen, der feucht kriechende Nieselregen, der muffige Zigarettenrauch. Kalter Abendnebel schlich sich in unsere Mäntel. Begierig sog ich den Mief dieser Stadt ein. Ich wachte in einem vollbesetzten Café wieder auf.
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Mein erstes Buch
Mittwoch, 15. Oktober 2008 um 18:11
Mario Herger
Es war Freitag, drei Uhr früh, ich war hellwach. Heute sollte es soweit sein. Mein erstes Buch erschien und würde die Buchgeschäfte erreichen. Mir war klar, dieser Tag kann kein gewöhnlicher sein. Noch lange wird man davon sprechen, wie der Stern eines jungen Autors aufgegangen war. Die Menschen würden sich auch zweiunddreißig Jahre später genau erinnern können, wo sie gerade waren und was sie gerade taten, als sie zum ersten Mal von meinem Buch Notiz nahmen.
Zugegeben, es war nur 80 Seiten dick, aber diese Verdichtung von schriftstellerischer Genialität hatte noch keine Leserschaft je gesehen. Es würde in die Annalen der Literaturgeschichte eingehen als leuchtender Stern im trüben Buchstabennebel, die diese Schreibamateure aus ihren verdorrten Hirnen saugten und zu veröffentlichen trauten.
Wie man würdevoll in ein Hundstrümmerl steigt
Mittwoch, 15. Oktober 2008 um 18:09
Mario Herger
Wien Die vielen Kaugummiflecken vor den Würstelständen und Eissalons, die sich auf dem teuren Granitpflaster der Mariahilferstrasse tummeln, stellen ein Zeichen des gastronomischen Erfolges dar. Eingeweihte und anonyme Testesser können schon von weitem die Qualität und den Kundenkreis erkennen. Die ausgekauten und von ihren Geschmacksstoffen fachmännisch befreiten Restgummibestände wurden und werden von den Wienern, die sehr stolz auf ihre Stadt sind, mit großer Selbstverständlichkeit wiederverwertet, bevor man ein Eisstanitzel oder ein Würstel mit Semmel bestellt. Was bietet sich für eine künstlerische Stadt wie Wien besser an, als ein Kunstprojekt? »Spit Art« war geboren und die Wiener formten in dem Dauerkunstprojekt ein Kunstwerk am Boden.
Wie man erotische Literatur schreibt
Mittwoch, 15. Oktober 2008 um 18:08
Mario Herger
»Sie trifft ihn. Fick.« Das mag zwar die kürzeste erotische Geschichte aller Zeiten sein, aber nicht jeder mag sie als Bestsellergeschichte anerkennen wollen.
Zieht man die jüngsten James Bond Filme als Maßstab heran, dann scheint genau das Gegenteil angesagt zu sein. Betrug die Zeitspanne in den Filmen des britischen Geheimdienstagenten zwischen 1960 und 1980 noch 5 Filmminuten, als er der verführerischen Widersacherin oder der naiven Bondgespielin zum ersten Mal begegnete, bis sie gemeinsam im Bett, Schlafwagencoupé oder sonstigen zweckdienlichen Örtlichkeiten dem Austausch von Körperflüssigkeiten frönten, so ist diese Zeitspanne in den letzten paar Jahren auf dramatische 30 Sekunden gesunken. Lästige Bond-Fans behaupten allerdings nach wie vor hartnäckig, dass die Hauptgeschichte dieser Filme ein völlig anderer ist. Papperlappap!
Piercingputtel
Mittwoch, 15. Oktober 2008 um 18:07
Mario Herger
Es war einmal ein bildhübsches Mädchen, das lebte mit seiner bösen Stiefmutter tief im Asphaltdschungel der großen Stadt. Das Mädchen hatte wahrlich kein leichtes Leben, denn die böse Stiefmutter gab ihr viele schwere Arbeiten zu tun. Weil sie das Mädchen von ganzem Herzen hasste, trug ihr die böse Stiefmutter auf, auch im kältesten Winter nur mit seitlich geschlitztem Miniröcklein und nabelfreiem, dafür aber engem Hemdlein auf die Strasse zu gehen.
Wenn das Mädchen zum Supermarkt gehen oder Schnee schaufeln musste, fror es gar bitterlich. Ihre Finger wurden klamm, die schlanken Beine liefen blau an und selbst auf ihrer noch niemals rasierten Scham hingen Eiszapfen. Die böse Schwiegermutter hatte ihr nämlich auch das letzte Andenken an ihre verstorbene Mutter weggenommen: ein Pobacken betonendes Seidenunterhöschen mit belgischem Spitzenbesatz.
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